Testbeitrag: 05

Wenn der Abend leiser wird

Es gibt Stunden,
die nichts von uns verlangen.

Keinen Plan.
Keine Antwort.
Nicht einmal einen Gedanken,
der unbedingt zu Ende gedacht werden müsste.

Nur diese seltsame Ruhe,
die irgendwann zwischen Tag und Nacht entsteht.

Zwischen gestern und morgen

Draußen wird es langsam dunkel.

Die letzten Fenster gegenüber leuchten auf,
eines nach dem anderen,
als würde irgendwo jemand
die Sterne von Hand einschalten.

Ein Auto fährt vorbei.

Dann noch eines.

Und irgendwann ist wieder nichts zu hören
außer dem leisen Geräusch der Stadt,
die niemals vollständig schläft.

Vielleicht sind es nicht die großen Augenblicke, die bleiben.
Vielleicht sind es die kleinen, in denen wir kurz vergessen, dass die Zeit vergeht.

Ein Fenster im Dunkeln

Ich frage mich manchmal,
wie viele Menschen gerade irgendwo sitzen
und dasselbe tun.

Vielleicht schaut jemand aus einem Fenster.

Vielleicht wartet jemand auf eine Nachricht.

Vielleicht liegt jemand im Bett
und denkt über einen Menschen nach,
dessen Name schon lange nicht mehr ausgesprochen wurde.

Und vielleicht sitzt irgendwo jemand,
der gerade überhaupt nichts denkt.

Nur da.

Nur für einen Moment.

Und vielleicht ist das genug.

Denn nicht jeder Augenblick
muss etwas bedeuten.

Nicht jeder Abend
muss zu einer Erkenntnis führen.

Manchmal darf eine Stunde
einfach eine Stunde sein.

Die Dinge, die wir nicht sagen

Es gibt Worte,
die wir zu lange mit uns herumtragen.

Sätze, die nie ausgesprochen wurden.

Entschuldigungen.

Fragen.

Ein einfaches:

„Wie geht es dir eigentlich wirklich?“

Vielleicht, weil wir Angst vor der Antwort haben.

Vielleicht, weil wir glauben,
dass manche Türen besser geschlossen bleiben.

Oder vielleicht nur,
weil wir nicht wissen,
wie man einen Satz beginnt,
dessen Ende man selbst nicht kennt.


Irgendwann

Irgendwann wird aus einem Tag
eine Erinnerung.

Aus einem Ort
ein früher.

Aus einem Menschen
eine Geschichte.

Und manchmal merken wir erst viel später,
dass wir gerade in einem Moment standen,
den wir eines Tages vermissen würden.

Das ist vielleicht das Merkwürdige an der Zeit:

Während sie passiert,
fühlt sie sich selten besonders an.

Erst wenn sie vergangen ist,
bekommt sie ihre Farbe.

Noch ist es nicht vorbei

Draußen ist inzwischen fast alles dunkel.

Nur einzelne Fenster sind noch hell.

Ein Licht im dritten Stock.

Eines ganz oben.

Ein kleines, warmes Rechteck
in einem ansonsten schwarzen Gebäude.

Vielleicht sitzt dort jemand
und liest.

Vielleicht streitet sich dort jemand.

Vielleicht wird dort gerade gelacht.

Wir wissen es nicht.

Und vielleicht muss man auch nicht alles wissen.

Manchmal reicht es,
zu wissen, dass irgendwo
noch Licht brennt.

Nicht jeder Weg muss sofort ein Ziel haben.
Manche Wege sind nur dafür da,
dass wir weitergehen.

Und dann wird es still

Der Abend ist inzwischen angekommen.

Nicht plötzlich.

Eher unbemerkt.

So wie vieles im Leben.

Ein Gedanke verschwindet.
Ein Geräusch verstummt.
Ein Licht geht aus.

Und für einen kurzen Moment
ist da nichts weiter
als die Dunkelheit
und dieses leise Gefühl,

dass morgen wieder alles von vorne beginnt.

Vielleicht ist das kein trauriger Gedanke.

Vielleicht ist es sogar ein guter.

Denn solange morgen noch kommt,
ist noch nichts endgültig.

Und irgendwo zwischen heute und morgen
liegt immer ein kleiner Moment,
in dem alles wieder offen ist.

Vielleicht genau dort,
wo die Nacht beginnt.

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